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Naturgarten

Vögel füttern im Sommer

Ab wann gefüttert wird, ist weitgehend geklärt. Ob im Sommer gefüttert werden soll, ist es nicht. Hier stehen beide Lager, ein Monatskalender und der Punkt, an dem Wasser wichtiger wird als Futter.

Die Frage „ab wann füttern“ hat eine gängige Antwort: November bis Ende Februar, Startsignal ist der erste Dauerfrost oder eine geschlossene Schneedecke. Die Frage „und im Sommer“ hat keine, weil sich Fachleute darüber seit Jahren streiten. Diese Seite stellt beide Lager gegenüber, ordnet den Zeitraum Monat für Monat und benennt die Stellen, an denen Sommerfütterung tatsächlich schaden kann. Welches Futter zu welcher Art passt, wie der Futterplatz hygienisch bleibt und wo er stehen sollte, steht auf Vögel im Winter füttern. Hier geht es ausschließlich um den Zeitraum.

Das Lager für die Ganzjahresfütterung

Der bekannteste Befürworter ist Peter Berthold, langjähriger Leiter der Vogelwarte Radolfzell. Zusammen mit Gabriele Mohr hat er im Kosmos-Verlag „Vögel füttern, aber richtig“ veröffentlicht, das ausdrücklich für eine Fütterung über das ganze Jahr wirbt.

Das tragende Argument ist die ausgeräumte Landschaft. Auf intensiv genutzten Flächen werden Wildkräuter mit Herbiziden bekämpft, Wiesen werden früh und häufig gemäht und bilden deshalb kaum Samen, Hecken, Säume und Brachen fehlen. Nach dieser Lesart ist Nahrung nicht nur im Winter knapp, sondern auch im Frühjahr und Sommer, und zwar nicht wegen des Wetters, sondern wegen der Flächennutzung. Berthold und Mohr führen an, dass Vögel an ganzjährigen Futterstellen früher brüten, mehr und hochwertigere Eier legen und ihre Jungen besser durchbringen. Ihre Schlussfolgerung: Eine artgerecht durchgeführte Fütterung schadet nicht und ist ein Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt.

Das Lager dagegen

Der NABU widerspricht nicht der Beobachtung, sondern der Schlussfolgerung. Sein Kernpunkt: Futterstellen erreichen selten mehr als 10 bis 15 Vogelarten, vor allem Meisen, Finken, Rotkehlchen und Amseln. Deren Bestände sind stabil oder wachsen. Die einzige gefährdete Art, die nennenswert profitiert, ist der Haussperling. Auf Großbritannien, wo intensiv und flächendeckend gefüttert wird, verweist der NABU als Gegenprobe: Der Rückgang von Vogelarten wurde dort nicht aufgehalten. Stefan Bosch vom NABU Baden-Württemberg bringt die Position auf die Formel, füttern mache Spaß, „mit praktischem Naturschutz hat das aber nichts zu tun“.

Dazu kommt ein handfester Einwand gegen die Sommerfütterung. Altvögel verfüttern, was schnell verfügbar ist. Große fettreiche Samen und Nussbruchstücke haben laut NABU zu tödlichen Magen- und Darmverschlüssen bei Jungvögeln geführt, ganze Erdnüsse und ganze Sonnenblumenkerne gelten als Erstickungsrisiko. Daraus folgen die konkreten Auflagen: von April bis Juli kein Fettfutter, keine großen fettreichen Samen, Erdnüsse und Sonnenblumenkerne ausschließlich im Gitternetzsilo, aus dem sich nur Bruchstücke entnehmen lassen.

Wichtig für die Einordnung: Der NABU verbietet die Sommerfütterung nicht. Er bestreitet ihren Naturschutznutzen und knüpft sie an Bedingungen. Beide Lager sind sich einig, dass falsches Futter in der Brutzeit schadet. Sie sind sich uneinig, ob richtiges Futter in der Brutzeit nützt.

Warum die Frage rechnerisch entschieden wird, nicht ideologisch

Eine Kohlmeisenbrut braucht über die Nestlingszeit bis zu rund 10.000 Insekten, überwiegend Raupen, und die Altvögel tragen meist eine einzelne pro Anflug ein. Die Größenordnung stammt vom NABU, die Nestlingszeit wird in der Literatur mit 16 bis 22 Tagen angegeben. Rechne das offen durch, mit klaren Annahmen:

  • Annahme 1: 10.000 Beutetiere je Brut, Nestlingszeit 19 Tage.
  • Annahme 2: zwei fütternde Altvögel.
  • Annahme 3: 15 Stunden nutzbares Tageslicht im Mai.

10.000 geteilt durch 19 Tage sind rund 526 Anflüge pro Tag. Geteilt durch zwei Altvögel und 15 Stunden bleiben etwa 18 Anflüge pro Stunde und Elternteil, also gut alle drei Minuten einer, den ganzen Tag, drei Wochen lang. Beobachtete Zählungen an Meisenkästen nennen Größenordnungen von einigen hundert bis rund tausend Fütterungen am Tag je Brut, die Rechnung liegt also im richtigen Bereich. Wer mit einer kürzeren Nestlingszeit oder einer kleineren Beutemenge rechnet, kommt auf weniger Anflüge, an der Aussage ändert das nichts.

Diese Menge liefert keine Futterstelle, und zwar nicht wegen der Menge, sondern wegen des Materials: Nestlinge brauchen weiches, proteinreiches Insektenfutter, kein Fett und keine Kerne. Was eine Futterstelle im Sommer leisten kann, ist, den Altvögeln die eigene Versorgung abzunehmen, damit mehr Zeit für die Suche nach Raupen bleibt. Das ist plausibel, aber es ist ein kleiner Effekt und kein Ersatz für Insekten im Garten.

Monatskalender

Die Tabelle folgt der NABU-Auflagenlogik und dem tatsächlichen Nahrungsangebot, nicht dem Kalenderdatum allein. „Wasser“ heißt: flache Tränke, bei Hitze täglich gereinigt.

Monat Körnerfutter Fettfutter Wasser Begründung
Januar ja ja nur frostfrei Kältemaximum, kurze Tage, Energiebedarf am höchsten
Februar ja ja nur frostfrei Naturvorräte aufgebraucht, magerste Phase des Jahres
März ja, auslaufend ja, bis Monatsende ja Brutbeginn bei Amsel und Meise, Insekten noch nicht verfügbar
April nur kleine Sämereien im Silo nein ja Jungenaufzucht startet, Fettfutter und ganze Kerne fallen weg
Mai nur kleine Sämereien im Silo nein ja Höhepunkt der Nestlingszeit, Bedarf ist Insekten, nicht Körner
Juni nur kleine Sämereien im Silo nein ja, täglich reinigen Zweitbruten, erste Hitzeperioden, Infektionsdruck steigt
Juli nur kleine Sämereien im Silo nein ja, täglich reinigen Trichomonadensaison, bei kranken Vögeln alles abbauen
August optional nein ja, täglich reinigen Mauser und Trockenheit, Wasser ist knapper als Nahrung
September eher nicht eher nicht ja Beeren, Samen und Insekten im Maximum, Fütterung überflüssig
Oktober ja, einschleichend ja ja Standvögel legen Reserven an, Futterplatz wird angenommen
November ja ja nur frostfrei Beginn der klassischen Winterfütterung
Dezember ja ja nur frostfrei Durchgehend füttern, Unterbrechungen kosten Vögel Energie

Wer die Ganzjahresvariante fährt, ändert an dieser Tabelle nur die Spalten Körner- und Fettfutter im Frühjahr, und auch dann bleiben die Auflagen für April bis Juli bestehen. Der Streit dreht sich also um vier bis fünf Monate und um die Frage, ob dort überhaupt etwas stehen soll, nicht darum, ob Fettfutter im Mai eine gute Idee ist. Ist es nicht.

Auf dem Balkon verschiebt sich die Rechnung, weil dort weder Raupen noch Deckung entstehen und Futterreste auf fremden Flächen landen. Was dort trotzdem funktioniert, steht unter Vögel füttern auf dem Balkon.

Wasser im Hochsommer

In langen Trockenphasen ist Wasser der knappere Rohstoff. Pfützen, Gräben und feuchte Wiesenstellen verschwinden zuerst, Insekten und Beeren dagegen sind im Hochsommer meist noch da. Eine Tränke ist deshalb die sinnvollste Sommermaßnahme am Haus, wenn sie richtig betrieben wird.

  • Tiefe 2,5 bis 10 Zentimeter. Flacher Rand, damit auch kleine Arten baden können, und ein Bereich, in dem sie stehen statt schwimmen.
  • Rauer, unglasierter Boden, sonst rutschen die Vögel ab.
  • Freier Anflug, gleiche Regel wie am Futterplatz: Abstand zu Deckung, aus der eine Katze anspringen kann.
  • Bei Hitze täglich komplett leeren, ausbürsten und frisch befüllen. Bei normalem Wetter mindestens einmal pro Woche gründlich reinigen.

Der Grund für die tägliche Reinigung heißt Trichomonaden. Der Erreger löst seit 2009 das auffällige Grünfinkensterben aus und hält sich in Trinkwasser bei sommerlichen Temperaturen bis zu 24 Stunden. Eine Tränke, an der viele Vögel nacheinander trinken, ist damit eine sehr effiziente Infektionsquelle. Dazu kommen im Sommer Suttonella ornithocola, der Erreger des Blaumeisensterbens, sowie Vogelpocken und Salmonellen.

Für den Ernstfall gilt eine einfache Regel, und sie ist nicht verhandelbar: Tauchen kranke oder tote Vögel an Futterstelle oder Tränke auf, wird beides sofort abgebaut, gereinigt und bis zum nächsten Winter nicht wieder aufgestellt. Tägliche Hygiene reicht dann nicht mehr, weil der Erreger bereits im Umlauf ist. Kranke Vögel erkennst du an aufgeplustertem Gefieder, Teilnahmslosigkeit, Schluckbeschwerden und daran, dass sie sich kaum vertreiben lassen.

Der eigentliche Engpass heißt Raupe im Mai

Beide Lager sind sich an einem Punkt einig: Der Engpass im Sommer ist die Insektenbiomasse, nicht das Körnerangebot. Und der Bedarf ist nicht über das Jahr verteilt, sondern konzentriert sich auf wenige Wochen im Mai und Juni, in denen die Nestlinge im Kasten sitzen. Wer in dieser Zeit Raupen im Garten hat, wirkt direkt auf den Bruterfolg, und zwar auch bei den Arten, die nie an eine Futterstelle kommen.

Entscheidend ist deshalb nicht Blüte, sondern Blattmasse, an der Raupen fressen dürfen: heimische Gehölze, an denen deutlich mehr Schmetterlings- und Nachtfalterarten leben als an Ziersträuchern, Brennnesseln als klassische Raupenfutterpflanze und der Verzicht auf Insektizide genau in den Wochen, in denen es am meisten wehtut. Ein angefressenes Blatt im Mai ist in dieser Logik kein Schaden, sondern die Futterlieferung. Welche Arten das tragen, steht unter insektenfreundliche Pflanzen, die Bestäuberseite davon unter Wildbienen. Wie ein Garten ganzjährig aufgebaut wird, damit er Vögel auch ohne Futterstelle trägt, steht im Abschnitt zum Gartenumbau auf Vögel im Winter füttern.

Das ist die unbequeme Bilanz dieser Seite: Die Sommerfütterung ist die sichtbare Maßnahme mit dem kleinen Effekt, der Umbau des Gartens die unsichtbare mit dem großen. Wer beides macht, macht nichts falsch, solange von April bis Juli kein Fettfutter und kein ganzer Kern im Garten liegt.

Häufige Fragen

Ab wann soll man Vögel füttern?

Die verbreitete Empfehlung lautet November bis Ende Februar, in milden Jahren bis Mitte März. Der bessere Auslöser ist aber das Wetter: Sobald Dauerfrost einsetzt oder eine geschlossene Schneedecke liegt, ist die natürliche Nahrung schwer erreichbar. Ab diesem Punkt sollte durchgehend gefüttert werden, nicht in Schüben, weil Vögel ihren Tagesablauf auf verlässliche Quellen ausrichten.

Darf man Vögel im Sommer füttern?

Erlaubt ist es, unstrittig ist es nicht. Peter Berthold und Gabriele Mohr halten die Ganzjahresfütterung für sinnvoll, weil die Landschaft ausgeräumt ist und auch im Sommer wenig Nahrung trägt. Der NABU sieht darin kein Naturschutzinstrument, weil nur wenige, ohnehin häufige Arten die Futterstelle nutzen. Wer im Sommer füttert, muss das Futter umstellen und die Hygiene verschärfen.

Welches Futter ist im Sommer geeignet?

Von April bis Juli kein Fettfutter, keine ganzen Erdnüsse und keine großen fettreichen Samen. Der NABU nennt stattdessen lebende, frischtote oder aufgetaute Insekten wie Mehlwürmer sowie kleine, fettarme Sämereien von Brennnessel, Birke und Gräsern. Sonnenblumenkerne und Erdnussbruch gehören in dieser Zeit nur in ein Gitternetzsilo, aus dem sich keine ganzen Kerne ziehen lassen.

Braucht der Garten im Sommer eine Vogeltränke?

In Hitzeperioden ist Wasser oft knapper als Nahrung, eine flache Tränke hilft also. Sie ist aber gleichzeitig die Stelle mit dem höchsten Infektionsrisiko, weil viele Vögel dicht zusammenkommen und Erreger im warmen Wasser überleben. Sinnvoll ist eine Schale mit 2,5 bis 10 Zentimeter Tiefe und rauem Boden, bei Hitze täglich geleert, ausgebürstet und neu befüllt.

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